Der Preis der Einzigartigkeit

Wer von euch erinnert sich noch an seine eigene Schulzeit, in der Noten das Maß aller Dinge waren und die Lehrer vorgaben, Halbgötter zu sein?

Zu meinem Bedauern hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nicht viel daran geändert. Nach wie vor entscheidet ein für alle Schüler gleiches, starres Korsett, ob diese hineinpassen in das Schulsystem oder nicht. Die völlig deplatzierten, resignierten und von dem Lauf der Zeit schon längst überholten Lehrer auch. Schade, denke ich mir dann, wenn ich sehe, wieviel neues junges Potenzial dort draußen heranreift und darauf wartet, seinen Platz auf der Welt zu finden, nur um mit den Jahren festzustellen, dass seine Einzigartigkeit gar nicht gefragt ist. Doch wie soll der junge Mensch seinen eigenen Platz finden? – Indem er seinen Aufsatz genau in dem gleichen Schema aufbaut, genau die gleichen Bausteine und Floskeln benutzt, wie seine Klassenkameraden auch? – Wohl kaum.

Die Macht des Systems

Das Schulsystem ist nun leider so aufgebaut, dass es versucht, einem bestimmten Anspruch gerecht zu werden: nämlich dem Anspruch der freien Wirtschaft. Die Schüler sollen auf effiziente Weise möglichst einheitlich herangezüchtet werden, damit die Wirtschaft sich die Besten herauspicken kann. Folglich haben die Schüler mit hervorragenden Noten bessere Chancen später einen Job zu bekommen als die weniger Guten. Sie ackern, quälen und disziplinieren sich. Sie befolgen, geben nach und vergessen sich. Am Ende der Schulzeit stehen nicht Wenige ratlos da und wissen nicht, was aus ihnen werden soll. 

Der goldene Käfig

Woher kommt diese Desorientierung? – Man muss nicht weit ausschweifen, denn das Problem ist mitunter auch hausgemacht. Kennt jemand von euch „Helikopter“-Eltern in seinem näheren Umfeld? – Diese Eltern machen es sich zur Lebensaufgabe, ihre Kinder zu einem Ebenbild eines perfekten, gesellschaftlich anerkannten und höchst angepassten Wesens zu machen. Wie die Vespen um den Kuchen schwirren diese Eltern um ihre Kinder herum, damit diese ja nicht auf die schiefe Bahn geraten. Die persönliche Laufbahn der Sprößlinge ist noch vor der Geburt geklärt. Zunächst durchläuft es sämtliche Förderungsarten, damit es idealerweise im Windelalter bereits drei Sprachen kann. Später dann in der Schulzeit müssen die Hausaufgaben stets korrekt und sauber erstellt werden, damit im Falle eines Falles, der kranke Nachbarsjunge, sich die Unterlagen auch kopieren und zum Lernen verwenden kann. Für die Klassenarbeiten wird Wochen im Voraus gelernt, es könnte ja sein, dass man einen Teil des Stoffs vergisst und nicht mehr rechtzeitig für die Arbeit parat hat. Eifrig machen sich die Eltern an die Arbeit, damit die Präsentation eine sichere Eins wird und recherchieren noch zusätzliche Infos, für die der Lehrer Extrapunkte vergeben könnte. Wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn es doch nur eine Zwei geworden ist. Schnell organisiert man eine Nachhilfe, das Kind muss ja wieder motiviert werden und bessere Noten schreiben. Natürlich hat man auch das Wohl des Kindes im Kopf, dass es außer der Schule noch ein möglichst abwechselungsreiches, glückliches Freizeitprogramm hat. Man will ja nicht, dass die Kinder vor dem TV oder PC verblöden. Also fährt man fast schon Taxi-rekordverdächtige Wochenkilometerzahlen, um sein Kind zum Freund, zum Sport, zum Musikunterricht und zur Nachhilfe zu fahren. Puh, sowas ist richtig anstrengend. Da bleibt keine Chance, mal mehr zu Arbeiten: das Kind braucht einen ja, und das permanent!

Der Preis der Einzigartigkeit ist eine 3

Zugegeben, die Art meiner Schilderungen ist ein wenig zugespitzt, die Beispiele sind jedoch echt. Vielleicht tue ich den vielen Eltern da draußen auch Unrecht, da sie ja nur das Beste beabsichtigen. Aber was ist das Beste für unser Kind? Ist es wirklich die Eins in Mathe, die über den weiteren Verlauf unserer Kinder entscheidet? Oder könnte es genauso gut auch ne Drei? 

Wenn wir nämlich ehrlich zu uns sind, dann wissen wir, dass nicht die Noten darüber entscheiden, was aus unseren Kindern wird, sondern ihr Charakter. Ein Kind, das aufgrund von Niederlagen gelernt hat, wieder aufzustehen und weiter zu machen, hat im Gegensatz zu dem „nur“ Erfolgreichen eine entscheidende Erfahrung gemacht: die Erfahrung, dass man nicht aufgeben und an sich glauben muss. Ein Kind, dass die Möglichkeit hatte, sich auch mal intensiv zu langweilen, wird auf eine kreative Art gelernt haben, wie man sich auch allein beschäftigen kann. Und ein Kind, dass auch mal den Bus aus eigenem Verschulden verpasst hat und keine Eltern hatte, die es kurzerhand dann mit dem Auto zur Schule brachten, durfte lernen, was Eigenverantwortlichkeit bedeutet.

Eigentlich ganz banale Sachen, aber dennoch sind sie uns auf dem Weg des ständigen Optimierens unserer Kinder und uns selbst irgendwie abhanden gekommen.

Natürlich wollen wir, dass unsere Kinder zu eigenständigen, selbstbewussten jungen Erwachsenen heranwachsen. Aber dafür müssen wir unseren Kindern auch die Möglichkeit geben, Freiräume auszuprobieren, Fehler zu begehen oder einfach selbst Entscheidungen zu durchdenken. Und dazu gehört meiner Ansicht nach auch, eine Drei einfach mal „nur“ eine Drei sein zu lassen. Oder auch die Vier, oder Fünf. 

Denn eins ist klar, jeder, wirklich JEDER, möchte erfolgreich sein, in dem was er oder sie tut. Ob es das gerade das Laufen lernende Kleinkind ist, oder das mathematisch talentierte, aber sprachlich eher unterdurchschnittliche Schulkind, oder aber auch der Geschäftsführer, der mit seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche zu kämpfen hat. 

In diesem Sinne hoffe ich, euch heute ein paar Impulse gegeben zu haben. Jeder ist einzigartig und jeder hat Stärken. Diese nicht nur in unseren Kindern und Mitmenschen zu entdecken und zu stärken, sondern insbesondere auch in uns, ist jedoch eine Lebensaufgabe 😉

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