Vom (Un)Sinn des Multiplen

Habt ihr nicht auch manchmal den Eindruck, als müsstet ihr ein Repräsentant eines multi-kompetenten und multi-flexiblen Allrounders sein?

In meinen letzten Blogs schrieb ich darüber, dass die Anforderungen an uns sich geändert haben: Unternehmen setzen heutzutage multi-linguale Arbeitnehmer mehr und mehr voraus, ein flexibler, multi-nationaler Einsatz ist bei größeren Unternehmen wahrscheinlich. Arbeitende Eltern, die überwiegend die Kinder erziehen, haben dabei das Wort „multi-tasking“ geprägt und die nachfolgenden Generationen werden vermutlich nur noch schmunzeln über unseren Wunsch, immer nur eine Sache zu einer Zeit zu tun. Selbst unsere Zahnpasta macht nicht mehr einfach nur die Zähne sauber. Nein, sie entfernt nicht nur Essensreste, sprich Zahnbelag, sondern schützt zudem vor Karies und Parodontose,  sie bleicht unsere Zähne und neuerdings soll sie sogar künstlich neuen Zahnschmelz anbringen, eben „multifunktional“ sein! 

Ein Weg zurück zu der guten alten Zeit, wo man sich sicher sein konnte, wenn man einen Arbeitgeber gefunden hatte, dass man bis zur Rente bei diesem blieb, ist nicht mehr zu erwarten. Ebensowenig kann man davon ausgehen, dass das Einmal-Erlernte uns ein ganzes Berufsleben lang ernähren wird. Die Anpassung an diese Veränderungen setzt eine gewisse Bereitschaft von uns voraus, alte Muster zu überprüfen und sie gegebenenfalls durch Neue zu ersetzen. Doch aller Anfang ist schwer. Besonders dann, wenn es darum geht lieb gewonnene Gewohnheiten abzulegen und Glaubenssätze selbstkritisch zu hinterfragen. Bestimmt habt ihr schon einmal irgendwo den Satz gehört:“ Computerspielen macht dumm!“ Zugegebener Maßen hatte ich mich früher auch von diesem Satz einschüchtern lassen. Schließlich war ich eine gewissenhafte Mutter, die nur das Beste für ihr Kind wollte. 

Doch dann fing ich an, mein Kind zu beobachten: während des Computerspielens empfand mein Kind jede Menge Spaß, er hielt aber ebenso jede Menge Frust aus, wenn ihm etwas nicht gelang. Seine Aufmerksamkeit beim Spielen war maximal auf die eine Sache konzentriert und dennoch koordinierte er den Joystick mit zahlreichen Funktionen anscheinend blind! Das faszinierendste an der Sache war aber, dass er immer besser darin wurde, je öfter er trainierte. Schöne Nebeneffekte gab es auch noch: schnelle Auffassungsgabe, die ihm in der Schule zu Gute kam, eine enorme Konzentrationsfähigkeit auf eine Sache (die Hausis dauern bei ihm selten länger als eine halbe Stunde seither), eine sehr gute Erfassung des Wesentlichen sowie ein spielerischer Umgang mit dem Computer, was ihm Vieles erleichtert in der Schule, zum Beispiel in den Fächern Informatik und Mathematik. Zugegeben, meine Erklärungen mussten sich dem Tempo meines Sohnes anpassen und wesentlich kürzer und „auf-den-Punkt“ gebracht formuliert werden, so dass ich sicher gehen konnte, dass ich seine volle Aufmerksamkeit habe. Aber dies war auch für mich sehr lehrreich und ich bin meinem Sohn sehr dankbar für diesen Lerneffekt 😉.

Der Mensch ist fähig in einem höheren Tempo zu denken, mehrere Informationenen schnell zu verarbeiten und aufs Wesentliche zu kanalisieren, wenn er sich auf Veränderungen einlässt und bereit ist, sich selbst zu hinterfragen. Unsere Kinder machen es uns vor, wie spielerisch das gehen kann. 

Der entscheidende Punkt ist jedoch, sein eigenes Tempo zu finden, sich die Dinge auf ganz individuelle Art anzueignen und dabei viel auszuprobieren. Was klappt gut und geht leicht von der Hand? Was wirkt widerum lähmend? Wo bin ich höchst produktiv und super konzentriert und wofür kann ich mich endlos begeistern?

Legen wir all unsere inneren Richter bei Seite, schicken sie in Urlaub oder noch besser, feuern sie einfach! Und dann fangen wir ganz klein an zu fragen. Aus einer Frage werden fünf, hieraus ganz leicht hundert, und ehe wir uns versehen schreiben wir seit Stunden an einem Buch, laufen Bestzeit bei unserer Jogging-Runde oder gründen plötzlich ein Unternehmen. Dies geschieht nebenbei, neben all jenen täglichen Verpflichtungen. Doch dieses „Mehr“, diese Vielfältigkeit, diese Multi-Funktionalität verspüren wir nicht mehr als erdrückend. Ganz im Gegenteil, wir spüren den „Drive“. 

Also überlegt mal, was treibt euch an? Und dann fangt an und macht es einfach, erst spielerisch und neugierig, dann konzentriert und beharrlich. Aber macht das, was ihr liebt!

Ich wünsche euch viel Freude dabei.

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