Stolpersteine – den eigenen Stressoren auf der Spur

Habt ihr schon mal versucht, an einem steinigen Strand zu joggen? 

Mein Versuch sah damals vermutlich sehr holperig aus. Jeder Schritt musste vorausgeplant und überdacht werden und doch gab es hier und da wackelige Steine, an denen ich ausrutschte, stolperte oder aus dem Gleichgewicht kam. Das Joggen glich mehr einem ständigen Balance-Akt zwischen Springen, Auftreten und Ausbalancieren.

Manchmal, wenn der Alltag nur so an mir vorbeirauscht, bemerke ich gar nicht, wie sehr ich versuche, reibungslos voranzukommen, während ich von Wackelstein zu Wackelstein hopse und jedesmal aufs Neue den Gleichgewichtssinn beanspruche. Erst Wochen oder gar Monate später merke ich, wie sehr ich meine Batterien verbraucht habe. 

Ein schleichender Prozess

Meist sind es zunächst recht leise Anzeichen für Überanspruchung: Müde und schlapp, vor dem Einschlafen Ohrensausen oder eine aufsteigende Unlust, die sich generell gegen alles richtet. Diese Anzeichen sind meist zu harmlos, sind sie doch leicht zu ignorieren. Als nächstes kommen Rückenschmerzen sowie eine innere Unruhe hinzu, die sich hier und da mit aggressivem Verhalten zeigt. Wenn dies noch nicht reicht als Alarmsignal, dann kommen Nächte hinzu, wo ich mich danach schlechter fühle als davor. Meist ist bei mir spätestens hier Schluss und ich ziehe die Reißleine! 

Doch es gab früher auch Zeiten, wo ich auch dann immer noch weitermachte. Ich erinnere mich an meine Studienzeit, wo meine beiden Jungs noch recht klein waren. Nachts, wenn die Kleinen schliefen, lernte ich. Es folgten 3-5 Nachtphasen, in denen ich geweckt und verlangt wurde, da das Neugeborene noch nicht  durchschlief. Tagsüber packte und plante ich unseren bevorstehenden Umzug, und achja, dies alles alleine. Mein Mann war damals beruflich hauptsächlich im Ausland unterwegs, meine Eltern wohnten 250 km weit entfernt und ein soziales Netzwerk gab es (noch) nicht, da wir noch nicht allzu lange in der Gegend wohnten. Für die Klausuren im Fernstudium fuhr ich immer nach Düsseldorf, da ich dort bei meinen Eltern in der Nähe übernachten konnte. Und ziemlich regelmäßig nach diesen Klausuren wurde ich erst mal so richtig krank. Von eben auf jetzt hatte ich hohes Fieber und konnte erst mal nichts mehr machen. Die Luft war raus und ich war total ausgebrannt. Aber warum ist das so? Warum stellen wir uns selbst Stolpersteine in den Weg und ignorieren die Signale unseres Körpers, wenn es doch viel sinnvoller wäre, einen Moment inne zu halten, nachzudenken und bewusster zu handeln?

Das ständige Gefühl, nicht zu genügen

Schülern wird jahrelang eingetrichtert, dass sie keine Fehler machen, widersprechen oder gar sich weigern dürfen. Fleiß und Anpassung werden hingegen belohnt. Wir lernen also von Kindesbeinen und über viele Jahre hinweg, was es heißt, ein funktionierendes Gesellschaftsmitglied zu sein. Irgendwann haben wir diese Regeln so sehr verinnerlicht, dass sie ein Teil von uns geworden sind. Noch bevor wir in die Welt hinausziehen, haben wir uns ein Netz aus eigenen oder fremden Glaubenssätzen gesponnen, welches unser zukünftiges Handeln maßgeblich prägen wird. Schon bald merken wir dann, dass die Dinge nicht so einfach laufen, wie wir dachten.

Wir strengen uns an, erhöhen unser Leistungspensum, bringen Opfer und hoffen insgeheim, dass sich unsere Bemühungen genauso auszahlen werden wie damals zu Schulzeiten. Doch die Dinge laufen nicht immer so, wie wir es gerne hätten und die Bemühungen fruchten auch nicht immer dann, wenn wir es erwarten. Was bleibt, ist ein Gefühl, nicht zu genügen.

Den Stressoren auf der Spur

Meine beschriebenen Erfahrungen der völligen körperlichen Erschöpfung geben ein schönes Beispiel der klassischen Konditionierung:  man wiederholt ein Verhalten immer und immer wieder in der Hoffnung, dass auch die Folgen immer wieder auftreten werden: im meinem Falle war es der Glaube, dass ich mich nur genug anstrengen müsste,dann  würde ich mein Ziel erreichen.

Ist dieses Verhalten einmal soweit eingeprägt, dann wird es zur Gewohnheit und wenn es zur Gewohnheit geworden ist, dann denken wir nicht mehr darüber nach, wir machen es einfach. Ich hinterfragte nicht meinen verinnerlichten Glaubenssatz, ich strengte mich einfach weiter an. So hatte ich es zu Schulzeiten gelernt.

Folglich übernahmen die inneren Glaubenssätze das Steuer und verursachten bei mir zusätzlichen Stress, der in einem Erschöpfungszustand Ausdruck fand.

Alternative Wege

Irgendwann hatte ich angefangen, mich mit meinen eigenen Glaubenssätzen und inneren  Stressoren auseinander zu setzen. Diese allein für mich begreifbar zu machen, erweiterte meinen Blickwinkel auf die Dinge grundlegend. Ich wurde mir dessen bewusst, dass es noch alternative Wege gab und ich dies frei wählen konnte, wenn ich wollte. Dieses freie „wählen-können“ gab mir ein Werkzeug an die Hand, mit dem ich zukünftig meine ganz persönlichen Stolpersteine umgehen konnte. Plötzlich waren meine inneren Glaubenssätze nur noch Meinungen, und diese kann man bekannter Maßen ändern. Heute kenne ich meine inneren Stressoren ganz genau und habe gelernt auf meinen Körper zu hören. Vielleicht brauchte ich diese Erfahrungen ja, um meine Wahrnehmung  für mich und meinen Körper zu schärfen.

Es lohnt sich, seine ganz persönlichen Stolpersteine zu kennen auch deswegen, weil man sie zukünftig besser erkennen wird: hinderliche Denkweisen, innere Überzeugungen, die man irgendwann übernommen hatte, Selbstzweifel, störende Denkweisen und Gewohnheiten, und noch vieles mehr.

Auf dem Weg zu einem aktiven Leben im Sinne von bewusstem, selbstbestimmten Leben, werden wir unsere Stolpersteine beseitigen müssen. Aber danach wird uns kaum jemand oder etwas wieder dermaßen aus dem inneren Gleichgewicht bringen können, wenn wir es nicht zulassen. 

Was sind eure Stolpersteine? 

Bild: pixabay



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3 thoughts on “Stolpersteine – den eigenen Stressoren auf der Spur”

  • Ganz klar und zu einhundert Prozent: die Bürokratie!
    Ich mag sie nicht, und sie mag mich nicht.
    Sie bremst, stell gern ein Bein in den Weg und lässt dich grundsätzlich warten.
    Und wenn du nicht aufpasst, legt sie eine Schlinge um dich.

    Nein. So schlimm ist sie nun auch wieder nicht. Sie hat ja durchaus ihren Nutzen – für andere.
    Rein auf metaphorischer Ebene würde ich daher eher sagen, dass der wahre Stolperstein das eigene Ego ist. Stolz verbaut Wege und macht vieles kompliziert und schwierig. Die Selbstdarstellung kann zuweilen selbst über Hunger erhaben sein – wenn auch nur temporär.

    • Eine interessante Perspektive, die du erwähnst. Aber es stimmt, dass wir uns oftmals selbst im Weg sind. Eventuell sollte ich mein eigenes Ego nochmals überdenken 😉😉
      Danke für deinen Kommentar 👍🏻

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