Generation der Selbstoptimierer

Was hab ich nicht alles an Literatur zu diesem Thema verschlungen, zahlreiche Kurse belegt und noch mehr Strategien ausprobiert. Am Ende war ich so schlau wie zuvor. Keiner, wirklich keiner der Tipps und Tricks vermochte es, mir zu helfen, mein Leben so zu gestalten, wie es für mich am besten passte. Keiner, bis auf Einer.

Der Keim der Unzufriedenheit

Vielleicht kennst du auch dieses Phänomen. Die Menschen hetzen von Montag bis Freitag, terminieren ihr Privatleben im Handy und müssen Tage im Voraus mit Ihren Kindern darüber verhandeln, wann denn die beste Zeit für einen „spontanen“ Ausflug wäre. Obendrein versuchen sie fünf To-Dos quasi im Vorbeifahren zu erledigen und ärgern sich tierisch, wenn dieser ausgeklügelte Plan nicht hinhaut.

Beispiel gefällig?

Schon während der Arbeit überlegst du deine Rückfahrts-Route mit dem Auto, damit du von unterwegs noch den dm um die Ecke, den Bäcker für heute Abend und die Mutter der Klassenkameradin deines Sohnes abklappern kannst, weil du ihr noch die geliehene Hose zurückgeben musst. Kaum hast du dein Kind von der Schule abgeholt geht es weiter zum Zahnarzt in der nächsten Stadt und hinterher noch zur Tankstelle, da der Sprit langsam leer wird. Heut Abend muss dein Großer schließlich noch zum Sport gefahren werden. Zu Hause kochst du ein schnelles Essen, da dein Großer noch nichts vernünftiges zu sich genommen hat, fragst ihn für die morgige Klassenarbeit ab, bevor es gleich wieder weiter geht. Ihr holt noch den Kumpel von deinem Großen ab, den ihr beim Hinweg zum Sport immer mitnehmt und spurtet dann weiter. Wenn du Glück hast, kannst du, während dein Großer trainiert, selbst eine Runde laufen gehen. Vorausgesetzt, dass dein Mann rechtzeitig nach Hause kommt und auf den Kleinen aufpassen kann, nutzt du noch schnell diese Lücke, um dein schlechtes Gewissen zu beruhigen und selbst ein bisschen Sport zu machen. Schließlich hast du dies schon seit Tagen vernachlässigt. Später, noch das Abendbrot vorbereitend, überlegst du, was du gleich noch alles erledigen musst vor dem morgigen Tag.

Abends liegst du hundemüde im Bett und überlegst, wie du solche Tage optimieren könntest. Es muss doch möglich sein, dass du Zeit sparst, wenn du dies und jenes anders platziert. Dann könntest du in der gewonnenen Zeit noch das und dies schaffen und somit noch effizienter werden. Schließlich schafft das die Mutter des Klassenkameraden deines Großen auch. Dann musst du das auch schaffen.

Wenn da nicht die vielen To-Dos und Verpflichtungen wären…

Irgendwann kommst du dir wie der größte Versager vor, der es nicht einmal schafft, den Alltag zu meistern. Ganz zu schweigen davon, was für eine schlechte Mutter du bist, wenn du nicht jeden Tag Zeit mit deinen Kindern spielend verbringen kannst. Ein Gefühl der Unzufriedenheit und der Machtlosigkeit schleicht sich ein.

Kommt dir das bekannt vor?

Mir sehr wohl.

Zugegeben, meine Tage sehen tatsächlich manchmal so aus, doch sind sie seltener geworden.

Warum?

In dem Bestreben um mehr Effizienz, Zeit- und Selbstoptimierung ist mir irgendwann klar geworden, dass dieser Weg und diese Art, das Leben zu meistern, nicht das Gelbe vom Ei sind. Ich fing also an, nach Alternativen zu suchen.

Der Sinn des Zeitmanagements

Fakt ist, dass sich unsere Welt schneller dreht als noch vor Jahren. Im übertragenen Sinne natürlich 😉
Fakt ist auch, dass der Mensch schon immer nach Optimierung gestrebt hat.

Das ist auch gut so.

Würde der Mensch nicht nach mehr und besser streben, würden wir immer noch im Stile der Neandertaler leben.

Der Mensch hat also durch Planen und Ausprobieren festgestellt, dass es sich lohnt, nach besseren, weil effizienteren Wegen zu suchen. Hierdurch konnten in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt werden und wir leben mittlerweile in einem Zeitalter, dass höchst digitalisiert ist. Durch den Fokus auf Effizienz konnten viele Aufgaben nicht nur schneller, sondern auch besser erledigt werden. Dies brachte viele Vorteile mit, nicht zuletzt einen, im Vergleich zum letzten Jahrhundert, wesentlich höheren Lebensstandard.

Warum aber haben wir immer öfter das Gefühl, nicht Herr unseres Lebens zu sein? Fremdgesteuert und desorientiert zu sein?

Der Dringlichkeitsfalle hoffnungslos verfallen

Oben habe ich bereits das Phänomen der Effizienz beschrieben. Es hilft uns ungemein, uns auf die jetzige Aufgabe bestmöglich zu konzentrieren und diese mit einem gewissen „Aufwands-Ertrags-Blick“ zu verarbeiten. Das heißt zu überlegen, wie ich meinen Aufwand dahingehend optimieren kann, dass ich mit weniger mehr erreiche.

Wir haben aber auch gesehen, oder bereits schmerzlich am eigenen Leib erfahren, dass das Leben ausschließlich nach diesem Prinzip keinen Sinn ergibt, weil dauernd alles irgendwie dringlich und wichtig erscheint und am liebsten sofort erledigt werden will. Folglich mutieren wir zu einer Marionette der Zeit und die Dringlichkeitsfalle hat uns fest im Griff.

Ich zeige dir heute, wie ich es geschafft habe, aus dieser Dringlichkeitsfalle zu entkommen.

Im folgenden Schaubild sind vier Quadranten, welche dir bestimmt in der einen oder anderen Situation schon begegnet sind. Sie zeigen die Eisenhower-Regel, welche den Unterschied zwischen der Dringlichkeit und Wichtigkeit zeigt.

Eisenhower-Prinzip

Quadrant 1: Terminieren

In diesem Quadranten stehen deine für dich allerwichtigsten Dinge. Meine obersten Prios sind meine Familie, unsere Gesundheit (dazu gehört Ernährung und Sport) und Wachstum. Persönliches Wachstum und persönliche Weiterentwicklung gehören in diese Kategorie. Wenn du gerne planst, dann plane dir deine wichtigsten Prios zuallererst in deine Wochenplanung. Das kann mal sein, dass du einen „Spielenachmittag“ verplanen musst. Es kann aber genauso gut ein Lümmelnachmittag sein, wo du und deine Kinder nichts macht und eure Batterien aufladet. Es kann deine Freundin, deine Mutter oder auch das Abendessen mit deinem Mann sein. Oder aber auch ein Kurs, den du schon lange anstrebst.
Diese für dich wichtigen Dinge, solltest du auch entsprechend mit oberster Wichtigkeit behandeln. Sie werden lange nicht auf sich aufmerksam machen, denn sie sind NICHT dringlich. Es ist deine Aufgabe, dir diese Zeit für deine wichtigen Dinge zu blocken und sie dann auch mit größtem Respekt zu behandeln. Es sollte schon einen triftigen Grund geben, warum du diesen Termin verschieben musst!

Quadrant 2: Sofort erledigen

Dein Kind wird plötzlich krank, verletzt sich oder braucht dich. Eine Freundin hat eine Beziehungskrise und klingt am Telefon völlig aufgelöst. Dein Vater hat von unterwegs einen Platten und keinen Ersatzreifen dabei. Diese Dinge sind nicht nur äußerst wichtig, sie erfordern auch deine sofortige Reaktion.
In diesem Quadranten kennen wir uns schon eher aus. Bestimmt erinnerst du dich noch gut an die Nächte, wo dein Kind so hoch fiebert und weint, dass du mitten in der Nacht zum Krankenhaus in die Notaufnahme fährst.  Ich kann ein Liedchen davon singen.
In diesem Quadranten ist es aber auch einfacher, eine Entscheidung zu treffen. Wir müssen, also können wir auch. Ganz einfach.
Das Dumme ist nur, dass dieser Quadrant viel Kraft kostet und je weniger wir zuverlässig und konsequent im Quadrant 1 unterwegs sind, desto stärker füllt sich der Quadrant 2 mit Dingen, die eigentlich nur deshalb dringlich werden, weil wir sie nicht rechtzeitig im Quadrant 1 erledigt haben.

Fällt dir spontan ein Beispiel hierzu ein?

Überlege bitte zunächst und suche ein Beispiel, bevor du weiter liest.

Hast du eins?

Ok, machen wir weiter.

Quadrant 3: Delegieren

Den Mülleimer leeren, Staub saugen, Einkaufen gehen, ein Anruf mitten im Gewusel des Nachmittags, eine What’s app-Message, eine E-Mail. Es gibt viele Beispiele für Dinge aus diesem Quadranten. Es sind Dinge, die dringlich sind, aber nicht unbedingt wichtig.
Wir Menschen sind mittlerweile darauf getrimmt, solche Dinge sofort zu erledigen. Aber gerade diese Dinge rauben uns viel kostbare Zeit.

Warum kann das Mülleimer leeren nicht jemand anders übernehmen oder das Brot kaufen? Wenn der Anruf wichtig ist, dann kannst du dich darauf verlassen, dass eine Nachricht hinterlassen wird. Dies ist aber selten der Fall.
Du tust nicht nur dir, sondern auch deiner Familie einen Gefallen, wenn du solche Aufgaben auf mehrere Schultern verteilst. Du gewinnst Zeit für wichtigere Dinge, deine Familie lernt, was Teamwork uns Verantwortung bedeuten. Eine Win-Win-Situation.

Du kannst dich nicht durchsetzen? – In diesem Beitrag findest du ein paar Impulse zu dem Thema 😉

Quadrant 4: Nicht bearbeiten

Ich würde lieber schreiben: „löschen“.
Was denkst du, was in diesen Quadranten fällt?

Überleg mal, welche Tätigkeiten hast du in der letzten Woche gemacht, die weder wichtig noch dringlich waren? – Dir also weder einen Nutzen gebracht haben, noch irgendeinen Wert hatten.

Damit du mich nicht falsch verstehst: ich bin eine überzeugte „Faulheit“-Verteidigerin. Faulheit im Sinne von „Sich-eine-Auszeit-nehmen“ und „Batterien aufladen“. Eine Sache, welche für mich die oberste Priorität im Quadrant 1 hat 🙂

Was ich vielmehr damit meine, sind Tätigkeiten, die keinen Zweck haben und auch keinen Nutzen stiften. Für mich habe ich folgende Dinge drastisch reduziert, manche sogar komplett gelöscht: Fernsehen, bei facebook sinnlos herumsurfen, Zeitschriften durchstöbern und aus schlechtem Gewissen, weil sie so teuer waren, ALLES schön brav lesen, obwohl es mich nicht wirklich interessiert, oberflächliche Kontakte zu Menschen, die ich nicht mag, die mich möglicherweise nur als Zweck für ihre Interessen sehen aufzugeben, und noch einiges mehr.

Jetzt bist du dran: Hole dir bitte ein Blatt und einen Stift.

Ich warte solange….

Hast du es?

Jetzt überlege, was deine Dinge aus dem Quadrant 4 sind.

Schreibe sie auf.

Und dann lösche sie aus deinem Leben!

Schreib mir gern, was du aus deinem Leben verbannt hast 🙂

 

Mir hat der Fokus auf Quadrant 1 und 2 sehr geholfen, mich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Und weil jeder Mensch andere Prioritäten hat, steht auch bei jedem etwas anderes in den Quadranten. Du kannst dir deine Beispiele gern in solch einen Quadranten hineinschreiben. Das hilft ungemein.

Mit der Zeit merkst du vielleicht, dass du so langsam der „Selbstoptimierer“-Falle entkommst. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei! Und wenn du Fragen hast, schreibe mir gern in die Kommentare.

Sei mutig. Sei großartig. Sei einfach du selbst.

Deine Ewa

 

 

 

Wie denkst du zu dem Thema? Schreibe mir gern deine Meinung :-)

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