Einen Gang herunterschalten

Es ist schon besonders, das vorweihnachtliche Phänomen: die Menschen eilen von Termin zu Termin, packen ihre Tage voll mit To-Do-Listen, hetzen von Ort zu Ort und wundern sich, dass sich das weihnachtliche Gefühl bei ihnen nicht einstellen will. Wenn man dazu noch das Glück hat, dass die meisten Familiengeburtstage in diese vier Wochen vor Weihnachten fallen, so sind sogar die Wochenenden bereits verplant, noch bevor man gedanklich bei ihnen angekommen ist. Ungefähr so ergeht es mir Jahr um Jahr aufs Neue.

Glaube und Tradition

Noch ganz genau erinnere ich mich an diesen magischen Moment, wenn die weihnachtlich verpackten Geschenke unter dem Weihnachtsbaum standen und ich vor lauter Staunen über die Schönheit des Anblicks meinen Mund nicht mehr zu bekam. Eine besondere Stimmung erfüllte den Raum und ich genoß die Magie, die hinter diesem Moment steckte. Ja, als Kind glaubte ich an das Christkind und als ich groß genug war, um die Filme im Fernsehen zu verstehen, dann glaubte ich auch irgendwie an den Weihnachtsmann. Fragt mich nicht, wie das geht, aber als Kind denkt man, dass alles möglich ist. Man muss nur daran glauben. Irgendwie waren sie doch Partner, der Weihnachtsmann und das Christkind, nicht wahr?

Alltagswunder

Vielleicht erinnert ihr euch auch an diese magischen Momente in eurer Kindheit und wünscht euch möglicherweise auch für eure Kinder diese Momente. Und wenn es (noch) keine Kinder gibt, so wollt ihr vielleicht diese besondere Stimmung für euch und eure Lieben schaffen: die weihnachtliche Dekoration soll so herrlich einladend sein, dass selbst der Nachbar staunt. Die Kekse müssen unbedingt mehrmals gebacken werden, denn man genießt diese Leckereien so gern und erinnert sich seiner Kindheitstage, wo man sie mit Leidenschaft hergestellt hat. Weihnachtsgeschenke. Puh, was schenke ich wem? Es gibt noch so viel zu tun und vorzubereiten vor dem heiligen Abend. Irgendwie muss das doch alles unterzubringen sein? Also nochmals einen Gang zulegen, Extrareserven mobilisieren, weitermachen. Es grenzt schon an ein kleines Wunder, wieviel wir vor Weihnachten so alles stemmen können. Teilweise aus innerer Verpflichtung bzw. Überzeugung, teilweise aus purer Übernahme von Gepflogenheiten, übernahm ich all diese kleinen Details und wünschte mir dieses Gefühl aus der Kindheit herbei. Bedeutete es doch Geborgenheit und Liebe für mich. Also  jonglierte ich weiter mit ganz vielen Bällen in der Luft, bis mir plötzlich eine fiese Erkältung einen Strich durch die Rechnung machte. So erging es mir zumindest die letzten Jahren, wenn ich vor lauter Vorbereitung auf das Fest, mich und mein Wohlergehen dabei vergaß.

Besinnlichkeit

Geschwächt und gebremst durch die Erkältung, war ich gezwungen, einen Gang herunter zu schalten, unnötige Dinge einfach wegzulassen, oder kreativ zu werden, um es irgendwie doch zu schaffen, aber dafür anders. Plötzlich hatte ich Zeit, um das Hier und Jetzt wahrzunehmen, mich und meine Lieben. Ich bemerkte, dass ich nicht nur mich selbst, sondern auch mein Umfeld auf Trabb gehalten hatte. Den Kindern war das hohe Pensum der letzten Wochen sprichwörtlich ‚ins Gesicht geschrieben‘ und sie sahen ebenfalls recht müde und matt aus. Wie dankbar müsste ich docheigentlich  sein für diese Erkältung, die mir den Moment des Innehaltens, des Zurückbesinnens auf die wirklich wichtigen Dinge ermöglichte. Aber was sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben?

Der Blick zurück

Wenn man nach John Izzos Buch Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor sie sterben glauben schenkt, dann sollte der Mensch schauen, dass er genügend Zeit mit den Personen verbringt, die ihm guttun. Das können Familie, Freunde oder besondere Kontakte sein. Denn das, was wir am Ende unseres Lebens am meisten bereuen, ist uns nicht genug Zeit mit diesen Menschen eingeräumt zu haben. All die materiellen Dinge, Traditionen und Annehmlichkeiten werden unsere innere Leere nicht füllen können, wenn wir später auf unser Leben zurückschauen. Weiter erzählt der Autor auch über ein beobachtetes, erstaunliches Phänomen, nachdem wir später mehr bereuen würden, etwas nicht getan zu haben als uns für etwas entschieden zu haben, das sich im Nachgang möglicherweise als falsch oder nicht so gut herausstellte. John möchte uns damit sagen, dass es wichtig ist, in jedem Moment für sich selbst zu prüfen, was wir machen wollen und was nicht. Die bewusste Entscheidung für etwas kann ein schwieriger, mitunter auch einsamer Weg sein, aber wenn wir diese Entscheidung nicht in unserem Sinne treffen, werden wir es später bereuen. So entschied ich mich, die Weihnachtsdeko nicht bereits am 1. Advent komplett zu haben, sondern diese Stück für Stück bis zum heiligen Abend aufzubauen. Plätzchen wurden nicht am Adventssonntag gebacken, sondern spontan, wenn wir Zeit hatten, Weihnachtsgeschenke wurden (zumindest bei den Erwachsenen) abgeschafft und an Heiligabend wird höchstens ein Gericht gekocht – ich wollte nicht so wie meine Eltern den lieben langen Tag in der Küche verbringen, nur um dann um Punkt 18:00 Uhr ein mehrgängiges Mal, das höchstens 20 Minuten dauert einzunehmen.

Eine andere Brille aufsetzten

Was heißt das nun für uns? Insbesondere in dieser vorweihnachtlichen Zeit, wo scheinbar alle die gleiche Intention haben, nämlich die Vorbereitungen auf DEN einen Abend. Nun, wir könnten doch damit anfangen, für einen Moment inne zu halten und zu überlegen, ob wir diese Gewohnheit tatsächlich aus innerer Überzeugung machen oder bloß, weil es jeder macht. Warum müssen wir unbedingt Geschenke kaufen und den halben Tag in der Küche verbringen? Warum müssen wir den Weihnachtsmann an unsere Kinder verkaufen, wenn wir den Glauben daran persönlich albern finden? Warum Plätzchen backen, wenn man es eigentlich hasst anstatt mit den Kids hinaus zum Abenteuerspielplatz zu gehen? Warum alles übernehmen, wenn man doch Weihnachten für sich selbst neu denken könnte? Damit ihr mich nicht falsch versteht, mir geht es hier nicht darum, Weihnachten schlecht zu machen. Mir geht es vielmehr darum, eine eigene Sicht auf die Dinge zu entwickeln und diese zu schärfen.
Eine andere Sicht auf die Dinge ist manchmal nicht ganz so einfach, prägen sich die Dinge doch seit unsere Kindheit in uns ein. Doch wenn ich zum Beispiel auf andere Menschen, Kulturen und Länder schaue,  dann kann ich eine andere, neue Sicht auf die Dinge bekommen. Ich sehe die Dinge plötzlich in einem anderen Licht, mit einer anderen Brille.

Dann kann ich den vorweihnachtlichen Stress auch draußen lassen und für mich selbst entscheiden, einen Gang herunter zu schalten. Alles einfach liegen und stehen lassen, den Moment genießen, und über das Hier und Jetzt nachdenken. Vielleicht kommt Jemand hinzu und wir beginnen ein tiefes, interessantes Gespräch, das plötzlich Raum hat, sich auszubreiten. Es gibt Luft zum Zusammensein und zum Genießen. Was für ein herrlicher Moment, der einem noch ganz lange in Erinnerung bleiben wird. Wer weiß, vielleicht überkommt uns in diesem besonderen Moment doch die Lust, gemeinsam Plätzchen zu backen. Dies geschieht dann aber ganz bewusst und aus einem anderen Motiv heraus. Und wenn wir igendwann auf unser Leben zurückschauen, dann werden wir uns an diese Momente erinnern, voller Freude, Besinnlichkeit und Einkehr auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

In diesem Sinne wünsche ich euch noch eine wundervolle vorweihnachtliche Zeit.

 


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