Die Rolle unseres Lebens

Als angehender junger Schauspieler ist man stets bemüht irgendwelche Schauspielrollen zu ergattern. Mal ist es eine Statisten-Rolle, mal eine kleine unbedeutende Nebenrolle und ganz ganz selten, eine etwas anspruchsvollere kleine Nebenrolle. So müht sich der junge Schauspieler ab und lernt von Rolle zu Rolle, von Auftrag zu Auftrag immer Neues hinzu. Einen Text auswendig zu lernen ist eine Sache, eine Figur in einer bestimmten Geschichte, in einer ganz speziellen Rolle zu verkörpern eine ganz andere. Und je mehr der junge Schauspieler übt, desto mehr wird er sich seiner eigenen Wirkung bewusst. 

In keinem anderen Beruf erhält man so schnell und so direkt Rückmeldung über seine Wirkung auf Andere. Diese Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, Feedback anzunehmen und für sich anzuwenden, das Einnehmen von verschiedenen Perspektiven des Regisseurs, des Zuschauers, des Schauspielkollegen, all diese Fähigkeiten werden ganz intensiv trainiert. Wenn dieser lernt, dann entwickelt er ein Gespür für sein Gegenüber, dafür, was von ihm erwartet wird und er passt sich entsprechend an. Macht er seine Sache gut, so bleibt der Erfolg nicht aus. Es folgen größere Nebenrollen mit anspruchsvolleren Szenen und schauspielerischen Anforderungen. Der junge Schauspieler gewinnt mehr Selbstsicherheit und kann dies ebenso in seinen Rollen herüberbringen. Doch irgendwann kommt die Erkenntnis, dass er nicht alleine ist, mit seiner Leidenschaft und mit seinem Talent. Da draußen gibt es so viele, denen es ähnlich ergeht wie dem jungen Schauspieler. Auch sie sind jung und talentiert und wollen als etwas Einzigartiges, etwas Besonderes gesehen werden. In den Augen des Regisseurs sind sie es jedoch nicht. Jedenfalls noch nicht. Denn alle haben Talent, alle können sich in verschiedene Rollen hineinversetzten und alle haben gelernt sich anzupassen. Doch wer ist der Richtige für genau diese Rolle?

Verschiedene Rollen im Leben

Man könnte diesen kleinen Abstecher in die Welt der Schauspielerei auch auf unser eigenes Leben übertragen. Denn auch wir haben Rollen in unserem Leben, die wir tagtäglich einnehmen und die wir bestmöglich versuchen zu „spielen“. Wir sind Mutter, Arbeitnehmer, Freundin oder Schwester, Nachbarin oder Gemeindemitglied. Egal was, in jeder dieser Funktionen haben wir eine bestimmte Rolle. Von uns wird ein bestimmtes Verhalten erwartet und wir sind bemüht, diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Doch wie werden diese jungen talentierten Schauspieler zu richtigen „Stars“?  Indem sie sich noch mehr anstrengen, noch besser anpassen und noch mehr versuchen, den Anforderungen gerecht zu werden? – Nun, ich denke nicht, dass diese Faktoren den entscheidenden Unterschied machen. Wirkliche Stars wie Kevin Kostner, Bruce Willis, Sharon Stone und alle anderen eint etwas anderes, was sie zu wirklichen Stars gemacht hat: ihre Einzigartigkeit! Sie alle haben es geschafft, ihre Einzigartigkeit in ihre zahlreichen Rollen mit einzubringen. Egal welche Rolle sie gespielt hatten, sie spielten diese stets mit dem besonderen Stempel Ihrer Persönlichkeit. Mit dem Bewusstsein, dass sie unvergleichlich sind. Genau diese Einzigartigkeit machte sie zu den großen, außergewöhnlichen Stars, die sie geworden sind. Was können wir von diesen Stars für uns selbst mitnehmen?

Nun, ich denke wir könnten damit anfangen, zu überlegen, welche große Rolle für unser Leben die Passende ist. Welche Rolle wollen wir in diesem Leben spielen? Wie wollen wir unseren ganz persönlichen Stempel hinterlassen?

Das Teilzeitdilemma

Es ist ja allgemein hin bekannt, dass uns teilzeitarbeitenden Müttern oft nur die uninteressanten, weniger anspruchsvollen, dementsprechend weniger gut bezahlten Jobs übrig bleiben. Jobs, die eigentlich keiner haben will, da sie schlechter bezahlt und weniger attraktiv sind. Die wenigen, hochinteressanten, gut bezahlten Teilzeitjobs heißen deswegen Teilzeitjobs, da sie mit weniger als 40 Stunden angesetzt werden. Fragt man etwas genauer nach, so sind es dann mindestens 30 Stunden, die an wöchentlicher Arbeitszeit verlangt werden. Nun fragt sich eine Mami wie ich zu Recht, ob sie das alles stemmen kann: Kinder, Haushalt, Organisation der Freizeit der Kinder, Ehrenamt, Terminplanung der Familie, womöglich noch Finanzmanagement des Familienunternehmens, achja und nicht zu vergessen, der interessante mindestens 30 Wochenstunden Job. Es ist utopisch zu denken, dass eine Frau all diese Rollen alleine stemmen kann, ohne auch nur ein Jahr körperlich zu altern. Aber wer will das schon? Sich von morgens bis abends kaputt schuften nur um erzählen zu können, dass man einen wirklich wichtigen und interessanten Job hat und nicht nur einen „Hilfsjob“.

Die Wahrheit ist, dass weder das eine Extrem der Worcaholic-Mum noch das der stets glücklichen Hausfrau uns entspricht. Wir teilzeitarbeitenden Mütter wollen natürlich arbeiten und etwas Bedeutendes für die Gesellschaft schaffen. Wer will das nicht? – Wir wollen aber auch etwas Anderes, etwas, was wir als Geschenk der Gesellschaft überlassen, etwas, was ein Stück von uns weitervererbt. Unsere Kinder. Ja, wir wollen Zeit mit unseren Kindern verbringen. Wir wollen da sein, wenn sie von der Schule kommen und uns ihr Herz ausschütten. Wir wollen da sein, wenn sie Schwierigkeiten haben und nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Wir wollen da sein, wenn sie Trost brauchen und wir wollen einfach nur da sein, um ihnen beim Wachsen und Gedeihen wehmütig zuschauen zu können. Wäre all dies möglich, wenn wir den größten Teil des Tages außer Reichweite der Kinder wären? Wäre dies auch möglich nachzuholen, wenn wir nach 16:00 Uhr nach Hause kommen, wenn die Kinder sich mit Freunden verabreden, Ihren Hobbies nachgehen oder sich vor dem Computer entspannen?

Also, welche Rolle wollen wir nun einnehmen? Am allerliebsten wollen wir einen coolen Teilzeitjob haben, den wir zeitlich flexibel gestalten können, wo Mails checken am Abend möglich ist. Darüber hinaus wollen wir Zeit haben für unsere Kinder, Zeit die meistens um 13:00 Uhr beginnt, aber nicht jeden Tag, da die Kinder auch mal länger Schule haben und man dann länger arbeiten kann. Wir wollen Einfluss nehmen sowohl auf die zeitliche Tagesgestaltung als auch auf das Inhaltliche. Aber halt! Habt ihr mal hochgerechnet, was am Ende des Tages übrigbleibt, wenn wir von 8:00 Uhr bis 13:00 Uhr arbeiten?Was schafft ihr in 5 Stunden, wenn ihr zu Hause wärt? Haus putzen, Einkaufen gehen, Essen kochen. Das wars. Jetzt überlegt mal, es sind hauptsächlich die drei Dinge, die man an so einem Vormittag schafft. Es ist nicht viel, ihr könntet nicht schaffen, die Wohnung neu zu streichen, den Garten auf Vordermann zu bringen und wohlmöglich noch alle Fenster zu putzen. Dies wäre utopisch! Genauso utopisch ist es zu glauben, dass man mit nur 5 Stunden pro Tag einen super anspruchsvollen, weil bedeutsamen Job erledigen kann. Es tut mir leid, wenn ich euch hier ein wenig desillusioniere. Aber das ist der Grund, warum Teilzeitjobs nun mal nicht sehr anspruchsvoll sind. Die wirklich wichtigen, bedeutsamen Dinge brauchen eben Zeit, wie in vielen Dingen des Lebens…

Die eigene Rolle neu denken

Wenn ihr nun denkt, dass ihr gern mehr arbeiten würdet, wenn ihr flexibler sein könntet, nun, dann kommen wir unserer eigentlichen Rolle ein ganzes Stück näher. Hier liegt nämlich der Kern dessen, was ich die „Rolle unseres Lebens“ bezeichne. Was sind wir bereit zu tun, zu geben, zu investieren, damit wir bedeutsame Dinge schaffen können? Brauchen wir hierfür unseren Chef? – Nicht unbedingt. Aber wir brauchen das Bewusstsein dafür, dass es von uns abhängt, wieviel Bedeutsames wir schaffen. Ein Teilzeitjob ist letztlich „nur“ ein Teizeitjob, er bringt Geld ein, ja. Aber er muss uns nicht unbedingt Erfüllung bringen, denn dafür ist ein Teilzeitjob zu beschränkt: er setzt regelmäßige Arbeitszeiten, Routine und Verlässlichkeit voraus. Nicht jedoch Flexibilität, Eigenverantwortlichkeit und Mut. Diese Dinge finden wir in uns, wenn wir genauer hinhören auf das, was wir wirklich machen wollen. Jedesmal, wenn wir etwas machen, wenn wir es eigentlich nicht machen wollen, spüren wir es. Doch meist ignorieren wir dieses Gespür, weil es der Alltag nicht zulässt, anders zu handeln. Wir nehmen Jobs an, in denen wir nicht zeigen können, was wir drauf haben. Wir willigen ehrenamtlichen Verpflichtungen ein, obwohl wir keine Zeit haben. Wir leben nicht das Leben, was wir eigentlich leben wollten, aber der Alltag lässt uns keine Alternative.

Ich möchte Euch um etwas bitten. Versucht diese Woche, bewusst wahrzunehmen, was ihr fühlt, wenn ihr Entscheidungen trefft. Jedes Mal, wenn Ihr euch für etwas entschieden habt, spürt kurz nach, ob Euer innerer Kompass auch ja zu dieser Entscheidung sagt. Und wenn Ihr ein nein spürt, ein zartes Unwohlsein, dass euch wie eine Vorahnung vorkommt, dann fragt euch, warum Ihr Widerstand spürt. Wenn Ihr diese kleine Übung in dieser Woche ausprobiert, dann kommt Ihr Eurer Rolle ein ganzes Stück näher. 

Für das Finden der ganz persönlichen Rolle des Lebens ist es nämlich Voraussetzung, dass man gelernt hat, auf sich zu hören. Wenn Ihr nämlich nicht wisst, was Ihr eigentlich wollt, dann werdet ihr immer unzufrieden sein. Es ist Eure Aufgabe, herauszufinden, was und wie Ihr es erreichen wollt. In diesem Sinne wünsche ich Euch diese Woche ganz viel „Einfühlungsvermögen“ und „Beobachtungsgabe“.

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