Der maßgeschneiderte Anzug

Ein lieber Mensch sagte mir einmal sehr weise Worte, welche mich bis heute prägen: „Wenn du einen anderen Menschen lieben willst, dann solltest du mit dir selbst beginnen“.

Sich selbst zu lieben, ist gar nicht so einfach. Bekommt man doch seit seiner Kindheit eingeprägt, dass man nicht perfekt sei. Der Bauch zu dick, die Nase krumm, die Ohren zu groß und die Füße platt. Die Liste kann jeder für sich vervollständigen. Ich bin mir sicher, dass jeder die eine oder andere Kränkung aus seiner Kindheit kennt. Das fiese ist, dass wir als Kinder noch nicht reif genug sind, uns gegen solche Angriffe zu wehren. Wir nehmen sie für bare Münze. Doch auch heute noch gibt es zahlreiche Einflüsse, die uns tagtäglich weismachen wollen, dass wir noch nicht perfekt sind und es Verbesserungspotenzial gibt. Bestes Beispiel hierfür ist Werbung.

Die Folgen des Defizit-Denkens

Was ist die Folge von diesen Einflüssen, denen wir im schlechtesten Fall tagtäglich ausgesetzt sind? – Wir bekommen täglich bestätigt, dass wir so, wie wir sind, nicht okay sind und es ändern sollten. Was machen wir also? – Wir melden uns im Fitness-Studio an, kaufen teure Anti-Falten-Cremes und verbiegen uns auf der Arbeit. Wir belegen Kurse, geben noch mehr Geld aus und bekommen doch keine Beförderung. Aber ist es das alles wert, nur um am Ende ein „prima“ hören zu bekommen? -Wohl kaum. 

Den Ursachen auf der Spur

Und dennoch machen wir viele Dinge, die den Erwartungen Anderer entsprechen. Grundsätzlich ist dies auch nicht schlimm. Wenn wir zum Beispiel eine Familie gründen, ist es sogar notwendig, sich umzustellen und zunächst seine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. So ein Säugling fordert die ganze Aufmerksamkeit und man hat zu Beginn meist nur kurze Lücken, in denen man schnell duschen, ein Nickerchen halten oder den Wäscheberg abarbeiten kann. Man lernt auf eine ganz praktische Art, die Bedürfnisse des Kindes vor die Eigenen zu stellen. Doch irgendwann werden die Kinder größer und können für sich selbst sorgen. Und was ist aus den eigenen Wünschen und Zielen, Träumen und Bedürfnissen geworden? – All diese Jahre lagen sie brach, wurden verschoben und vergessen.

Einen Neuanfang wagen

Die gute Nachricht ist, dass man jederzeit seine Ziele wieder aufgreifen kann. Möglicherweise haben sie sich mit der Zeit verändert oder eine andere Richtung eingeschlagen. Vielleicht sind sie aber auch in Vergessenheit geraten und man müsste sich auf die Suche nach ihnen machen. Wie kommt man sich selbst wieder auf die Spur?

Die wichtigste Erkenntnis auf diesem Weg ist sicherlich, das Erkennen eigener Bedürfnisse, Wünsche und Werte. Wie willst du ab jetzt und zukünftig leben und arbeiten? Wie kommst du dorthin und wer kann dich dabei unterstützen? Zugegeben, wir Menschen sind Gewohnheitstiere und Veränderungen stehen wir grundsätzlich zunächst einmal skeptisch gegenüber, bedeuten sie doch einen Bruch mit dem Bisherigen.

Aber genau diesen Bruch mit dem Bisherigen brauchen wir, um zukünftig unser Leben und Arbeiten so gestalten zu können, wie es am Besten zu uns passt. Oder kauft ihr euch etwa einen Anzug, der zwei Nummern so groß für euch ist? – Nein? – Dann vielleicht einen, der zwei Nummern zu klein ist? – Auch nicht? – Na seht ihr, nur der wie angegossene, maßgeschneiderte Anzug ist der Richtige. 

Wie dieser maßgeschneiderte Anzug des Lebens und Arbeitens aussehen soll, weißt nur du. Denn nur du bist der Schneider, der die Nadel und den Faden in der Hand hält. Aber es lohnt sich! Es lohnt sich zu fragen, ob der Job, den man macht, für einen sinvoll erscheint. Ob er genügend Geld einbringt und Wertschätzung ermöglicht. Ob das Umfeld, in dem man lebt, ein Gutes ist, in dem man gerne eine Rolle übernimmt. Es lohnt sich sein Leben zu hinterfragen und offen und neugierig Alternativen zu prüfen.

Denn erst wenn der Anzug passt, das Leben und Arbeiten miteinander harmonieren, das Umfeld einem wohlgesinnt ist und unterstützt, man ein gutes Gefühl hat und im Nachgang lächelnd seine Taten überfliegt, hat man wieder wahrhaftig zu sich selbst gefunden. Man lebt nach seinen eigenen Erwartungen und ist unabhängig von der Meinung anderer. Man hat wahrhaftig gelernt, sich selbst zu lieben.

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0 thoughts on “Der maßgeschneiderte Anzug”

  • Schöner Beitrag.
    Vielleicht eines der verzwicktesten Dinge überhaupt – sich selbst zu lieben. Vor allem Jugendliche haben damit so ihr Problem. Obschon alles irgendwie mit diesem einen Schritt verbunden scheint, aller Erfolg davon abhängt.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar 😊
      In der Tat ist es eine der größten Aufgaben und Herausforderungen überhaupt!
      Einigen scheint dieses bereits in die Wiege gelegt zu sein, andere sind zeitlebens auf der Suche. Sich selbst zu hinterfragen, zu suchen und schließlich zu finden ist wirklich eine Mammut-Aufgabe, aber es lohnt sich 👍🏻

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