Der perfekte Klon


Es beginnt bereits vor der Geburt: „Um dem Ungeborenen beste Voraussetzungen zum Wachsen zu geben, sollten werdende Mütter bereits von Beginn an für optimale Bedingungen sorgen. Sie sollten auf ihre Ernährung achten, bestimmten Fehlentwicklungen des Ungeborenen durch Vitaminpräparate vorbeugen, für ausreichend Schlaf und Bewegung an der frischen Luft sorgen, Stress vermeiden, mit dem Ungeborenen sprechen um seinen Gehörsinn zu fördern…“ bla bla bla.

Ich weiß nicht, wie viel ich von dieser Ratgeberliteratur gelesen hatte, aber als mein Sohn damals endlich auf die Welt kam, war ich soweit zu glauben, dass ich in meiner neuen Rolle als Mutter versagen würde. Panik stieg in mir hoch, als ich das erste Mal mit dem Würmchen allein zu Hause war: „Was mach ich denn jetzt, wenn er schreit?!“, dachte ich. Anstatt auf meinen mütterlichen Instinkt zu vertrauen, dachte ich an all die Ratschläge, die ich zu beachten hatte, und lag dennoch knapp daneben mit meiner Einschätzung.

Die Prägung von außen ging bereits nach ein paar Tagen weiter. Im Rückbildungskurs musste ich peinlicherweise eingestehen, dass ich noch keinen PEKIP-Kurs gebucht und meinen Sohnemann und mich noch nicht zu einem Baby-Schwimmkurs angemeldet hatte. Was für eine Schande! Das Kind soll doch von Beginn an die besten Startbedingungrn haben, um sich bestmöglich zu entwickeln! 

Schon recht früh merkte ich also, was für eine Macht gesellschaftliche Normen auf uns haben. Von einer Individualität des Kindes kann da keine Rede mehr sein! Doch der Einfluss der Gesellschaft hört damit nicht auf. Unreflektiert geben wir diese gesellschaftlichen Normen an unsere Kinder weiter, ohne sie je ernsthaft zu hinterfragen. Nicht selten werden Kinder vier bis fünf mal die Woche zu zahlreichen Veranstaltungen geschickt, weil es offensichtlich gut für ihre persönliche Entwicklung ist. Aber hat jemand mal das Kind gefragt, was es tun möchte? Natürlich nicht, denn es muss  ja „optimiert“ werden und das perfekte gesellschaftliche Abbild werden, ein reproduzierbares Klon. Von Individualität keine Spur!

So geht das ne ganze Weile weiter, das Kind kommt in die Schule, und verlernt sukzessive seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen. Wozu auch? Die Gesellschaft weiß ja eh, was das Beste für es ist: es soll möglichst genau die bereits festgetrampelte schulische Laufbahn einschlagen, die alle anderen auch durchlaufen. Außerschulische Veranstaltungen müssen breitgefächert sein und ergänzen die Bestrebungen das perfekte Kind zu formen. Eine ungewöhnliche Laufbahn wird indirekt oder direkt stigmatisiert, sie würde dem Kind mehr schaden als nützen.

Ich habe diese gesellschaftlichen Einflüsse viel zu lange nicht reflektiert und die vorherrschenden Meinungen nicht hinterfragt. Dies führte zu dem oben beschriebenen Dilemma, sich stets nicht gut genug zu fühlen.

Interessanter Weise half mir ein Buch über die kindliche Entwicklung dabei, gesellschaftliche Normen kritisch zu hinterfragen und eine natürliche selbstbewusste Selektion all der Meinungen und Informationen da draußen vorzunehmen. Das Buch heißt Das KinderBuch und ist geschrieben von Anna Wahlgren. Es lehrte mich die Dinge selektiver zu betrachten und in erster Hinsicht das Kind als Individuum zu sehen, unabhängig davon, was normenkonform ist und was nicht. Ich habe dieses Buch bereits vielen Müttern empfohlen, die Hilfe suchend zu mir kamen.

Es ist mir wichtig, die Welt unabhängig und selektiv zu betrachten. Das gebe ich mittlerweile auch gezielt an meine Kinder weiter. Es ist sogar eine der wichtigsten Fähigkeiten, die man heute braucht um wirklich unabhängig und frei zu leben. Davon bin ich überzeugt!

Angefangen beim gewöhnlichen Lebensmittelkauf, fortgesetzt beim Shoppen in der Stadt, verteidigt während eines waghalsigen Elterngesprächs in der Schule und mutig hervorgebracht beim Gespräch mit dem Arbeitgeber. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich mit seinen Überzeugungen zu positionieren. Denn einmal angefangen gegen den Strom zu denken, will man nie wieder zurück in die gesellschaftliche Zwangsjacke!

In diesem Sinne wünsche ich euch viele fruchtende Erkenntnisse beim selektiven Denken 😉

Schreibt mir gern, welche Erfahrungen ihr macht und auf welche Hindernisse ihr gestoßen seid. 

PS: Dieses Titelfoto habe ich übrigens bewusst gewählt, da dieser Contoler die Welt der Eltern spaltet 😉 Wisst ihr was ich meine?

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