Brauchen wir zukünftig noch unseren IQ?

Wie ein Bienchen von Blüte zu Blüte fliegt, um sich ihren süßen Nektar abzuholen, springen sie von Interesse zu Interesse. Kinder tun dies leidenschaftlich gerne. Solange, bis es ihnen abgewöhnt wird. Aber wusstest du, dass es auch Erwachsene gibt, die so ticken?

Mehr als nur eine Intelligenz

Irgendwann, wenn du als junger Mensch zu dem Punkt kommst, wo deine Ausbildung endet, musst du dich entscheiden. Es ist an der Zeit, deinen Beruf zu wählen. Viele junge Menschen, die ich getroffen habe, wissen nicht genau, was sie werden wollen. Außerdem fällt es ihnen schwer, solch eine schwerwiegende Entscheidung bereits jetzt fällen zu müssen. Es kommt ungefähr dem Gefühl gleich, als gäbe es nur die eine Wahlmöglichkeit im Leben. Und diese sollte möglichst perfekt gewählt sein.

Interessanter Weise zwingt uns das Leben dazu, unseren einmal eingesetzten Weg mehrmals zu korrigieren. Und das ist auch gut so. Wenn später die Familie und noch weitere Verpflichtungen hinzukommen, ist der ursprünglich eingeschlagene Weg selten darauf ausgelegt, unter veränderten Lebensbedingungen immer noch der Richtige zu sein.

Wir Menschen haben zum Glück die besondere Gabe, uns an veränderte Begebenheiten anpassen zu können. Howard Gardner hat sich mit dieser Fähigkeit, sich anzupassen ein wenig mehr beschäftigt und den Beweis dafür geliefert, dass es nicht nur eine, sondern mehrere „Intelligenzen“ gibt:

  1. Sprachlich-linguistische Intelligenz
    Vielleicht hast du ja ein Kind mit dieser Begabung. Schon früh in der Schulzeit vermögen diese Kinder die phantasievollsten Geschichten geschickt in Worte fassen oder sie später zu Papier zu bringen. Man fragt sich, wie sie das schaffen, zumal sie doch vor Kurzem erst das Schreiben gelernt haben. Später wirst du auch eine Vorliebe für Fremdsprachen bei diesen Kindern bemerken. Vokabeln pauken, Aussprache und Sprechen werden diesen Kindern eher Freude als Qual bereiten.
  2. Logisch-mathematische Intelligenz
    Kinder mit dieser ausgeprägten Intelligenz untersuchen die Dinge ganz genau. Sie analysieren, hinterfragen, experimentieren und bringen Dinge in Relation. Oftmals haben sie eine Vorliebe für wissenschaftliche Themen. Man hört dann so interessante Fragen wie: „Warum kann man Wolken nicht anfassen?“ oder „Wie schnell kann ein Flugzeug maximal fliegen?“ – Um diese Frage zu beantworten, muss man schon tief in die Materie einsteigen. Kleine Nachfolger des Aristoteles fühlen sich in diesem Themengebiet besonders wohl.
  3. Musikalisch-rhythmische Intelligenz
    Kennst du diese Youtube-Videos, wo bereits drei Jährige den Moonwalk von Michael Jackson perfekt nachtanzen können? Mit einer unglaublichen Leichtigkeit und einem unfassbaren Rhythmusgefühl scheinen diese Kinder die Musik im Blut zu haben. Eine Nummer Kleiner geht es natürlich auch. Was diese Kinder können, ist die Musik tatsächlich außergewöhnlich gut zu spüren. Während andere Kinder Noten tatsächlich pauken müssen, lernen diese Kinder so etwas nebenbei. Musik selbst zu spielen oder sie zu hören bzw. später selbst zu komponieren ist für sie eine große Freude.
  4. Bildlich räumliche Intelligenz
    Kinder lieben es, sich Burgen und Höhlen zu bauen. Wenn Kinder mit dieser ausgeprägten Intelligenz ans Werk gehen, dann entstehen ganze Schlösser! Auch gibt es Kinder, die ein unglaublich gutes räumliches Vorstellungsvermögen haben. Plötzlich wunderst du dich, dass das Nachbarskind dir hinten im Auto Anweisungen gibt, wolang du fahren musst. An dem Supermarkt da vorne rechts vorbei, hinter der Blumenhecke bei dem alten Haus links und beim Parkplatz auf der Rechten davor anhalten. Diese Fähigkeit zu fördern könnte zukünftige Architekten, Chirurgen oder Ingenieure hervorbringen.
  5. Körperlich-kinästhetische Intelligenz
    Sie nutzen ihren ganzen Körper, um Dinge zu gestalten oder Probleme zu lösen. Es sind die geborenen Sportskanonen, die feinmechanisch Begabten, die Schauspieler oder Mechaniker. Vielleicht entdeckst du, dass dein Kind es liebt, Dinge grundlegend auseinander zu bauen, nur um die Möglichkeit zu haben sie wieder Stück für Stück zusammenbauen zu können. Im Übrigen gibt es nicht nur Jungs, die diese Fähigkeiten in besonderem Maße entwickeln. 😉
  6. Naturalistische Intelligenz
    Kinder mit dieser Intelligenz haben bereits früh ein Bewusstsein für Naturphänomene. Sie beobachten genau und können Naturgesetze spielerisch verstehen und deuten. Ähnlich wie Einstein damals, haben sie eine große Neugier all den Themen gegenüber, die ihre Fähigkeit zu unterscheiden und zu erkennen fördern.
  7. Interpersonelle Intelligenz
    Kinder mit dieser Fähigkeit werden von anderen Kindern nicht selten bewundert. Sie kommen gut mit Anderen zurecht und haben Freude daran, mit verschiedenen Kindern zu spielen. Ähnlich wie Mahatma Ghandi und Martin Luther King haben sie eine ausgesprochen gute soziale Ader und können gut als Streitschlichter oder Mentor fungieren.
  8. Intrapersonelle Intelligenz
    Es ist die Fähigkeit, sich selbst besonders gut reflektieren zu können. Kinder, die diese Intelligenz ausgeprägt haben, denken, sprechen und handeln sehr überlegt und sind sich ihrer Gefühle und Gedanken sehr bewusst. Vielleicht schreiben sie Tagebuch, um mit sich ins Reine zu kommen oder Probleme besser zu verarbeiten. Vielleicht aber auch ganze Romane oder Gedichte, in denen sie ihr Inneres nach Außen tragen.Im Übrigen hat Daniel Goleman die inter- und die intrapersonelle Intelligenz als  „Emotionale Intelligenz“ geprägt, welche in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt.
  9. Existenzielle oder spirituelle Intelligenz
    Einen gewissen Sinn für das Höhere, für das Übergeordnete, in gewisser Weise auch Religiöse. Interessanter Weise muss diese Prägung nicht unbedingt religiös sein. Sie ist mit einem Bewusstein gekoppelt, dass wir alle ein Teil des Ganzen sind und demnach nicht isoliert und unabhängig sind. Nur allzu oft geht uns dieses Bewusstsein im Trubel des Alltags verloren. Kinder haben da einen viel leichteren Zugang zu diesem Bewusstsein. Es lohnt sich, ihnen öfters zuzuhören und sich auf ihre Weltsicht einzulassen. 🙂

Ich finde diese Auflistung der verschiedenen Intelligenzen wesentlich passender als eine Beschränkung einzig auf den IQ (es grüßt unser Bildungssystem) oder EQ (Emotionaler Intelligenzquotient: Begriff geprägt durch Daniel Goleman).

Von der Theorie zur Praxis

Wenn wir uns nämlich unsere Kinder anschauen, dann ist es ganz natürlich, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die einen interessieren. Instinktiv wählen Kinder auch Sachen für sich, die sie bereits erstaunlich gut können. Selten ist dies eine einzige Sache, mit der sie sich ausschließlich und über Jahre hinweg beschäftigen. Es findet vielmehr ein Entwicklungsprozess statt, wo sie aus der einen Sache heraus eine nächste in Angriff nehmen, dies eventuell perfektionieren, um dann eine dritte zu beginnen, welche sich ergänzend zu der Ersten anbietet. Vernetztes Denken und Lernen ist uns eigentlich in die Wiege gelegt. Ziemlich makaber, dass wir uns diese Art des Lernens während der vielen Jahre der Schulzeit zwanghaft abtrainieren, nur um im Berufsleben zu merken, dass wir es doch lieber hätten beibehalten sollen.

Oftmals besitzt ein Mensch auch mehr als eine der oben genannten Intelligenzen. Ich hatte zum Beispiel einen Mathe-Lehrer, der leidenschaftlich gerne Cello spielte. Leider werden aber viele Fähigkeiten in der Berufswelt nicht angezapft, dafür sind wir alle viel zu spezialisiert. Doch die junge Generation und die Generation unserer Kinder macht mir Hoffnung, dass hier ein Umdenken stattfinden kann. Die Digital Natives wachsen mit vielfältigen Möglichkeiten auf und lernen schon früh, Dinge auszuprobieren und zu revidieren. Die Hemmnis, etwas aus Scheu vor Veränderung nicht zu machen, haben sie nicht.

Ausblick

Wer weiß, vielleicht wird es zukünftig ja mehr von den Menschen geben, die multiple Intelligenzen haben und dennoch den Blick fürs große Ganze nicht verlieren.

Wie das Bienchen von Blüte zu Blüte fliegt, könnten diese Menschen tatsächlich viel mehr Potenzial erreichen, indem sie ihr vernetztes Denken und Handeln anwenden und für das Lösen von Problemen und Herausforderungen nutzen. Hierfür muss aber zunächst ein Umdenken in unserer Gesellschaft stattfinden. Ein Umdenken, wo Raum geschaffen wird für solche Persönlichkeiten.

Es handelt sich nämlich um ganz besondere Persönlichkeiten. Sie haben außergewöhnliche Fähigkeiten, da sie auf mutliple Intelligenzen zugreifen können. Aber gerade wegen dieser Vielfältigkeit haben auch sie ihre Herausforderungen. Welche diese sind, werde ich im nächsten Beitrag ausführlich erklären. Du erfährst, wie du diese interessanten Persönlichkeiten erkennen kannst und was sie brauchen, um ihr volles Potenzial zu entfalten.  Vielleicht bist du oder dein Kind ja auch eine davon?

Sei mutig. Sei großartig. Sei einfach du selbst.

Deine Ewa

PS: Für diejenigen von euch, die ihren Wissensdurst noch stillen möchten, habe ich ein paar Quellenangaben:

 

 

 

Wie denkst du zu dem Thema? Schreibe mir gern deine Meinung :-)

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