Bist du ein Taucher oder ein Scanner?

Es gibt Menschen, die ihre ganze Aufmerksamkeit und Leidenschaft in eine Sache stecken können. Manche von Ihnen widmen ihr ganzes Leben nur dieser einen Sache. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die genau das nie tun würden. Sie würden niemals ihr Leben dafür verschwenden, sich immer nur der einen Sache zu widmen. Wo würdest du dich sehen?

Große Passion: die Welt der Taucher

„Finde deine Leidenschaft und du wirst nie wieder arbeiten müssen!“ 

„Du musst nur etwas finden, was dir Spaß macht, dann bist du glücklich.“

Kennst du diese recht oberflächlichen Floskeln? Gefühlt jedes 10. Buch in der Abteilung Persönlichkeitsentwicklung in der Bibliothek handelt davon.

Für viele Menschen, die gerne in die Tiefe tauchen, kann dieser Weg über die eine große Leidenschaft der Richtige sein. Wenn sie einmal ihr Thema gefunden haben, dann sind sie sprichwörtlich angekommen. Wie die Taucher in die Tiefe tauchen um den Grund des Meeres zu erforschen, beschäftigen sich diese Menschen leidenschaftlich gern in ihrem Themengebiet und können wahrlich Expertenstatus erreichen. Allerdings beruht die obige Annahme darauf, die persönliche Leidenschaft zu finden. Viele Experten zeigen großes Interesse für ein Thema, ihre größte Leidenschaft ist dies aber noch lange nicht. Diesen kleinen, aber feinen  Unterschied solltest du kennen.

Damit es von diesen hoch spezialisierten Menschen zukünftig möglichst viele gibt, ist unser Bildungssystem darauf ausgerichtet, sie in ihrer Entwicklung zum Experten zu unterstützen. Zu dumm nur, dass die meisten jungen Menschen ihre große Passion in den Fächern Deutsch und Mathe ausbilden müssen, denn diese Fächer sind absolute Pflicht in der Schule. Wenn sie vielleicht Abitur machen möchten, dann können sie gar nicht anders als diese zwei von vier möglichen Schwerpunkten zu setzen. Was ist aber, wenn der junge Mensch seinen Schwerpunkt in Soziologie, Ökologie oder Musik setzen möchte? – „Tut mir Leid, diese Fächer werden an unserer Schule nicht im Abitur zugelassen. Sie müssen sich für die Übrigen entscheiden. Von den vier Schwerpunktfächern sind allerdings Deutsch und Mathe Pflicht!“

Eine beschwerliche Suche beginnt

In meinem letzten Beitrag hatte ich bereits angedeutet, dass es vielen jungen Menschen schwerfällt, sich auf genau die eine Sache festzulegen. Da das Schulsystem recht starr in seinem Aufbau ist, gibt es zudem kaum Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Somit schaffen es die jungen Menschen nicht herauszubekommen, was sie interessiert und vor allem, was sie gut können. Unmöglich tausenden von Kindern einen individuellen Weg anzubieten! Wirklich?

Lass uns mal überlegen, auf welchen Annahmen das Schulsystem beruht:

  • im Berufsleben werden bestimmte Fähigkeiten vorausgesetzt, die in allen Berufen gebraucht werden und von daher auch von allen Schülern gelernt werden sollten. Wirklich? Muss ich als späterer Arzt wissen, welche Symphonien Mozart geschrieben hat? Hm… Ah, ich weiß: als Sozialwissenschaftler musst du unbedingt wissen, wie ein Frosch aufgebaut ist! Nein? Möglicherweise wirst du als Malermeister davon profitieren, wenn du weißt, welche Schlachten Napoleon gewonnen hat! Auch nicht? – Naja, hätte ja sein können. Aber du verstehst vielleicht nun, was für eine Grundannahme prägend ist: da Kinder noch nicht wissen, was sie später werden wollen, müssen sie ein großes Allgemeinwissen aufbauen, um später besser wählen zu können. Acha! Sie wollen ein breites Allgemeinwissen beibringen, nur um später die Kinder dazu zu zwingen, dieses wieder aufzugeben und sich zu spezialisieren? – Wie unsinnig ist das denn! Vor allem Kinder, die gar nicht so sehr in die Breite gehen und sich viel lieber spezialisieren würden, tun sich mit dieser Annahme schwer. Sie haben dann ne Eins in Philosophie und müssen die Klasse wiederholen wegen der Sechs in Deutsch!
  • Die Schule bereitet die Schüler auf das spätere Berufsleben vor. Wer von euch würde das sofort unterschreiben? – Ich zumindest nicht. Tatsächlich ist es so, dass du dir in der Schule das natürliche, vernetzte Lernen und Arbeiten abtrainierst. Dafür lernst du jede Menge anderen Zeugs.  Zum Beispiel Effizienz: „Wie wahrscheinlich ist es, dass der Lehrer diesen Teil des Materials abfragen wird? Unwahrscheinlich? – Also weg damit!“ Auch lernst du Disziplin: „Vier Stunden muss ich mich durch die öden Fächer Physik und Musik kämpfen, dann kommt endlich ein interessanteres Fach: Geschichte!“ Ich denke, du kennst diese Gedankengänge auch 😉 Was ich aber wirklich bedenklich dabei finde, ist, dass unsere Kinder eben NICHT lernen, wie sie später im Beruf zurechtkommen sollen. Wie denn auch! Sollen sie etwa nach dem zwei-wöchigen Praktikum wissen, wo es langgeht? Okay, ich will hier nicht alles ganz so negativ bewerten. Schöne Ansätze gibt bereits, wenn Schulen zum Beispiel bei Firmengründungen, AGs oder Vereinen unterstützend mitwirken und die Fähigkeiten der Schüler aktiv fördern und fordern. Dies sind allerdings eher Ausnahmen.
  • Am Ende der Schullaufbahn musst du dich für einen Beruf entscheiden. Kennst du jemanden in deinem Umkreis, der oder die heute NICHT mehr in ihrem oder seinem vormals gelernten Beruf arbeitet? – Ich kenne jede Menge! Und es werden immer mehr. Was ich damit sagen möchte, ist, dass der ausschließliche Fokus auf einen Beruf veraltet ist. Zukünftig werden wir mit Sicherheit modular lernen und uns die Fähigkeiten aktiv und selbstbestimmt aneignen, die wir für die Bewältigung unserer Aufgaben aktuell brauchen. Dann wird auch ein Biologe Verkaufsprozesse umsetzen können und ein Mathematiker coachen können.

Kennst du noch mehr Annahmen?

Die Welt der Rastlosen

An diesem Punkt kommen wir zu einer ganz besonderen Persönlichkeit, die zukünftig immer mehr gefragt sein könnte. Im Gegensatz zum „Taucher“, der sich liebendgern und sehr ausdauernd einer einzigen Sache widmen möchte, will ein „Scanner“ ebendies nicht! Ganz im Gegenteil! Seine große Passion gilt dem Entdecken und Erforschen des Neuen. In gewisser Hinsicht ist diese Persönlichkeit vom Fortschritt und von Veränderung getrieben. Folgende Eigenschaften werden von Barbara Sher in ihrem Buch Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast, dem Scanner zugesprochen:

  • Eine unbändige Neugier auf eine Vielzahl von Themen, die in keinerlei Zusammenhang miteinander stehen,
  • unendliche Wissbegier
  • Scanner wollen sich auf keins der Gebiete, in das sie sich verliebt haben, spezialisieren, weil das bedeuten würde, alle anderen aufgeben zu müssen.
  • Scanner fühlen sich von vielen verschiedenen Dingen und Themen wie magisch angezogen. Für Außenstehende mag das so aussehhen, als könnten sie sich nicht auf eine Sache konzentrieren. Es ist aber vielmehr so, DASS sie es können und auch wollen. Dies führt nicht selten zu Verwirrungen im Umfeld.
  • Vernetztes Denken und Denken im großen Zusammenhang liegt in der Natur der Scanner.
  • Schnelle und fokussierte Auffassungsgabe

Dies sind einige der Stärken und Eigenschaften dieser Persönlichkeiten. Bereits früh in der Kindheit können sie sichtbar werden. Wie in meinem vorherigen Beitrag beschrieben, gibt es tatsächlich Menschen, die die Fähigkeit besitzen, sich in kurzer Zeit in vielfältige Gebiete „einarbeiten“ zu können, um bei nachlassendem Interesse weiter zum nächsten interessanten Thema weiterzuwandern.

Für uns Eltern kann dies anstrengend und manchmal teuer werden, wenn unsere Kinder so sprunghaft sind und sich scheinbar auf nichts konzentrieren können. Tatsächlich soll es auch vermehrt Kinder mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) geben, die eine Scannerpersönlichkeit aufweisen. Umgekehrt muss ein Scanner-Kind aber nicht zwangsläufig ADS haben. Barbara Sher beschreibt hier den entscheidenden Unterschied in der Konzentrationsfähigkeit. Im Gegensatz zu Menschen mit ADS, können Scanner sich sehr wohl auf eine Sache intensiv konzentrieren. Sie tun dies instinktiv solange, wie sie auf der Suche nach der entscheidenden Essenz sind. Erst wenn diese befriedigt oder gefunden ist, lässt das Interesse des Scanners deutlich nach.

Im Alltag haben es diese Persönlichkeiten allerdings recht schwer. Aufgrund der oben beschriebenen gesellschaftlichen und bildungspolitischen Annahmen, haben es Scanner schwer, ihren „Platz“ zu finden. Durch ihre Flatterhaftigkeit haben sie manchmal Schwierigkeiten, sich für die eine Sache, den einen Beruf, den richtigen Weg zu entscheiden. Nicht selten stoßen sie auf Mißverständnis und Abneigung und zweifeln folglich an ihrer Person.

Eine Welt der Möglichkeiten

Was wäre aber, wenn es zukünftig tatsächlich dazu käme, dass das Leben und Lernen individualisiert und modularisiert würde? Wieviel mehr an Möglichkeiten würden sich uns, der Gesellschaft und unseren Kindern eröffnen? Vernetzte und gemischte Teams aus Tauchern und Scannern könnten die Perspektiven der Unternehmen um so viel mehr erweitern. Das Wissen des Spezialisten könnte vom Multiplen aufgegriffen und mit anderen Gebieten verknüpft und schließlich von Anderen wieder aufgegriffen und weiterverarbeitet werden. Macht und Verantwortung würden sich nach Projekt und nicht nach Hierarchie richten und schließlich könnte auch eine Kultur der Toleranz und des Wachstums entstehen.

Was denkst du, welche Voraussetzungen vorhanden sein müssten?

Hast du in deinem Umfeld Scanner kennen gelernt? Welche Erfahrungen hast du mit ihnen gemacht? Wo würdest du dich sehen? Wo deine Kinder? Ich freue mich, wenn du deine Gedanken hierzu mit mir teilst.

Sei mutig. Sei großartig. Sei einfach du selbst.

Wie denkst du zu dem Thema?

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